Robotaxis in Deutschland: Warum das Thema gerade jetzt Fahrt aufnimmt
Wenn in den USA von Robotaxis gesprochen wird, fällt fast automatisch der Name Tesla. Elon Musks Ankündigungen zu einem eigenständigen Robotaxi-Dienst sorgen seit Jahren für Schlagzeilen, und auch Waymo ist in US-Städten längst im Alltag angekommen. Wer diese Debatte verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, Deutschland hänge beim autonomen Fahren hinterher. Das Gegenteil ist der Fall: Im Rhein-Main-Gebiet fahren bereits seit Mai 2025 echte Fahrgäste in Fahrzeugen mit, die nach Level 4 zugelassen sind, also weitgehend ohne menschliches Eingreifen unterwegs sein dürfen. Das Projekt heißt KIRA und ist ein Gemeinschaftsprojekt von Rhein-Main-Verkehrsverbund und Deutscher Bahn.
Für Elektroauto-Interessierte ist das Thema aus mehreren Gründen relevant. Zum einen zeigt KIRA, wie eng autonomes Fahren und Elektromobilität inzwischen zusammenhängen: Fast alle aktuellen Robotaxi-Projekte weltweit setzen ausschließlich auf batterieelektrische Fahrzeuge. Zum anderen wirft ein wachsender Robotaxi-Bestand die Frage auf, wie solche Flotten geladen werden und welche Anforderungen das an Ladeinfrastruktur stellt, ein Thema, das ladestationguru.de natürlich besonders interessiert. Bevor wir tiefer in die Details gehen, lohnt sich ein Blick auf die rechtliche Einordnung: Anders als in vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland bereits seit 2021 ein eigenes Gesetz zum autonomen Fahren, das genau solche Testbetriebe wie KIRA überhaupt erst ermöglicht.
Das KIRA-Projekt: Deutschlands Level-4-Vorreiter im Detail

In seinem Video besucht Sebastian Henßler das KIRA-Projekt vor Ort, fährt selbst mit und spricht mit Projektleiter Thorsten Möginger. Daraus lässt sich ein detailliertes Bild davon zeichnen, wie ein regulierter Level-4-Testbetrieb in Deutschland heute tatsächlich aussieht, und warum er sich vom amerikanischen Robotaxi-Modell unterscheidet.
Rechtliche Grundlage: die AFGBV
Möglich wird KIRA durch die Autonome-Fahrzeuge-Genehmigungs- und Betriebsverordnung, kurz AFGBV. Sie ist die konkrete Ausgestaltung des deutschen Gesetzes zum autonomen Fahren und regelt, unter welchen Bedingungen ein Unternehmen eine Genehmigung für den Betrieb von Level-4-Fahrzeugen im öffentlichen Straßenverkehr erhalten kann. KIRA verfügt über eine Genehmigung nach Paragraf 16 AFGBV, die den Betrieb in einem klar festgelegten Betriebsbereich unter durchgängiger Fernüberwachung erlaubt. Wer sich fragt, wie diese Gesetzeslage für autonomes Fahren in Deutschland im Detail aussieht, findet dort eine ausführliche Einordnung. Wichtig ist: Die Genehmigung ist an einen definierten geografischen Bereich und an bestimmte technische Auflagen gebunden, ein bundesweiter Rollout wäre damit heute noch nicht möglich. Jede Erweiterung des Betriebsbereichs, etwa auf weitere Stadtteile oder Gemeinden, muss erneut beantragt und von der zuständigen Behörde einzeln geprüft werden.
Technik hinter KIRA: NIO ES8 und Mobileye Drive
Als Fahrzeugbasis dienen sechs elektrische NIO ES8, ausgestattet mit dem Mobileye-Drive-System. Kennzeichnend ist eine dreifache Sensorredundanz aus Kameras, Radar und Lidar, damit sich einzelne Sensortypen bei schlechten Bedingungen gegenseitig absichern können. Diese Kombination aus mehreren Sensortechnologien ist kein deutsches Spezifikum, sondern Standard bei praktisch allen ernstzunehmenden Level-4-Systemen weltweit, mehr dazu in unserem Beitrag zu Lidar, Radar und Kamera. Die Eckdaten der eingesetzten Fahrzeuge im Überblick:
- Fahrzeugmodell: NIO ES8, vollelektrisch
- Flottengröße im Testbetrieb: sechs Fahrzeuge
- Reichweite: rund 400 Kilometer pro Ladung
- Höchstgeschwindigkeit: bis 130 km/h
- Autonomie-System: Mobileye Drive mit Kamera-, Radar- und Lidar-Redundanz
- Zulassungsstufe: Level 4 nach Paragraf 16 AFGBV
Wo und wie man mitfahren kann
Das Testgebiet liegt im Rhein-Main-Gebiet und umfasst Darmstadt, unter anderem den Hauptbahnhof, den Stadtteil Nord und das Johannesviertel, sowie Teile des Landkreises Offenbach, konkret Langen und Egelsbach. Es gibt keine festen Linien und keinen klassischen Fahrplan, gebucht wird flexibel per App bei ioki, dem Mobilitätsdienst der Deutschen Bahn. Das Prinzip ähnelt damit einem Rufbus, nur dass am Steuer, zumindest technisch, kein Mensch mehr aktiv eingreift. In der Praxis läuft eine Fahrt derzeit so ab:
- Fahrtwunsch in der ioki-App eingeben, inklusive Start- und Zielpunkt im Betriebsbereich
- Die App weist ein verfügbares KIRA-Fahrzeug zu und nennt die voraussichtliche Ankunftszeit
- Einstieg an der Abholstelle, Begrüßung durch den Sicherheitsbegleiter
- Das Fahrzeug fährt im Level-4-Modus, der Begleiter greift nur im Notfall ein
- Ankunft am Ziel innerhalb des festgelegten Betriebsbereichs
- Feedback zur Fahrt kann direkt in der App gegeben werden
Förderung, Partner und Ziele
KIRA wird vom Bundesministerium für Verkehr, vormals Bundesministerium für Digitales und Verkehr, sowie vom Land Hessen mit rund 2,2 Millionen Euro gefördert. Erklärtes Ziel ist nicht der schnelle kommerzielle Rollout, sondern der Nachweis, dass Level-4-Technologie im öffentlichen Personennahverkehr serienreif eingesetzt werden kann, und die Entwicklung von Branchenstandards, an denen sich spätere Projekte orientieren können. Das unterscheidet den deutschen Ansatz deutlich von rein privatwirtschaftlich getriebenen Robotaxi-Vorhaben, siehe dazu auch unseren Vergleich zu Teslas Full Self-Driving. Während Tesla auf ein eigenes, geschlossenes Fahrzeug- und Softwareökosystem setzt, ist KIRA von Anfang an als Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs gedacht, nicht als dessen Konkurrenz.
Ausblick: Was kommt nach dem Testbetrieb?
KIRA ist ein Testprojekt, kein fertiges Produkt, und genau das macht den Blick nach vorn spannend. Aus den im Video geschilderten Details lassen sich einige Entwicklungslinien ableiten, die für die nächsten Jahre relevant werden dürften.
Der Sicherheitsfahrer: Übergangsphase mit Ablaufdatum
Aktuell sitzt aus Sicherheitsgründen noch ein Sicherheitsfahrer beziehungsweise Sicherheitsbegleiter im Fahrzeug. Das ist typisch für die Erprobungsphase eines Systems, das rechtlich zwar schon als Robotaxi im weiteren Sinne gilt, technisch und regulatorisch aber noch begleitet werden muss. Der nächste logische Schritt wäre der Wegfall dieser Begleitperson innerhalb des bestehenden Betriebsbereichs, sobald ausreichend Betriebsdaten und Sicherheitsnachweise vorliegen. Ein realistischer Zeithorizont dafür lässt sich aus dem Projektverlauf noch nicht seriös ableiten, entscheidend wird sein, wie schnell Genehmigungsbehörden nach den ersten Betriebsmonaten Vertrauen in die gesammelten Daten entwickeln.
Deutschland und die USA: zwei Wege zum Robotaxi
Der zeitliche Vorsprung Deutschlands bei formalen Level-4-Zulassungen lässt sich direkt auf das frühe deutsche Gesetz zum autonomen Fahren aus dem Jahr 2021 zurückführen. Während in den USA einzelne Bundesstaaten und Städte sehr unterschiedliche Regeln für Anbieter wie Waymo oder Teslas geplantes Robotaxi aufstellen, hat Deutschland früh einen bundesweit einheitlichen Rechtsrahmen geschaffen, innerhalb dessen einzelne Projekte wie KIRA regional genehmigt werden. Der deutsche Weg ist damit stärker im öffentlichen Nahverkehr verankert und weniger auf ein einzelnes privates Robotaxi-Unternehmen ausgerichtet, ein Modell, das sich grundlegend von US-Ansätzen unterscheidet und im weiteren Verlauf durchaus zum europäischen Exportmodell werden könnte.
Robotaxi-Flotten und die Ladeinfrastruktur der Zukunft
Für Leserinnen und Leser von ladestationguru.de ist ein Aspekt besonders interessant: Alle sechs KIRA-Fahrzeuge sind vollelektrisch, und jede wachsende Robotaxi-Flotte braucht eine verlässliche Lademöglichkeit im Hintergrund. Anders als private Elektroautos, die oft über Nacht an der eigenen Wallbox laden, müssen Flottenfahrzeuge zwischen Einsätzen effizient und planbar geladen werden, idealerweise ohne lange Standzeiten. Genau hier setzen Konzepte wie autonomes Laden, bei dem das Fahrzeug selbstständig zur Ladesäule fährt, an: Statt dass ein Mensch das Fahrzeug zwischen zwei Fahrgästen zur nächsten Säule bringt, könnte künftig das System selbst entscheiden, wann und wo nachgeladen wird, orientiert am aktuellen Buchungsaufkommen im Betriebsbereich. Je mehr solcher Flotten in deutschen Städten entstehen, desto stärker wird auch die Frage nach dedizierter Ladeinfrastruktur für Robotaxis, die anders dimensioniert sein muss als klassische öffentliche Ladepunkte für Privatfahrzeuge.
Insgesamt zeigt KIRA, dass Deutschland beim autonomen Fahren keineswegs nur zuschaut, sondern mit einem eigenen, regulatorisch abgesicherten Modell bereits im Realbetrieb angekommen ist. Ob sich dieser öffentlich getragene Ansatz gegen privatwirtschaftliche Robotaxi-Modelle langfristig durchsetzt oder beide Wege parallel bestehen bleiben, wird sich in den kommenden Jahren zeigen, wenn aus dem Testbetrieb im Rhein-Main-Gebiet erste belastbare Branchenstandards entstehen.
Ergänzendes Video
Während es im Artikel vor allem um die deutsche Rechtslage geht, zeigt dieses Video den wirtschaftlichen Wettlauf zwischen Waymo, Volkswagen und Uber um den europäischen Robotaxi-Markt und ordnet damit ein, welche Anbieter überhaupt auf die neuen deutschen Regeln treffen werden.
Quelle: INDUSTRIEMAGAZIN – Robotaxis in Europa: Das Milliardenrennen zwischen Waymo, Volkswagen und Uber
Häufige Fragen
Ist KIRA schon ein echtes Robotaxi ohne Fahrer?
Technisch fährt KIRA nach Level 4, also weitgehend eigenständig. Aktuell sitzt aber aus Sicherheitsgründen noch ein Sicherheitsbegleiter im Fahrzeug, der im Notfall eingreifen kann. Ein Betrieb komplett ohne Person im Fahrzeug ist noch nicht erreicht.
Wo kann ich mit KIRA mitfahren?
Der Betriebsbereich liegt im Rhein-Main-Gebiet, konkret in Darmstadt sowie in Langen und Egelsbach im Landkreis Offenbach. Gebucht wird flexibel ohne feste Linien über die App von ioki.
Welches Gesetz erlaubt Robotaxi-Testbetrieb in Deutschland?
Grundlage ist das deutsche Gesetz zum autonomen Fahren aus dem Jahr 2021 in Verbindung mit der Autonome-Fahrzeuge-Genehmigungs- und Betriebsverordnung, kurz AFGBV. KIRA betreibt seine Fahrzeuge auf Basis einer Genehmigung nach Paragraf 16 AFGBV.
Warum sind Robotaxis fast immer elektrisch?
Elektrofahrzeuge lassen sich einfacher mit den zusätzlichen Sensoren und Steuerrechnern eines autonomen Systems kombinieren und bieten planbarere Betriebskosten im Flottenbetrieb. Auch KIRA setzt ausschließlich auf vollelektrische NIO ES8.